Leben mit dem Sowohl-als-auch-Prinzip

| Dr. Bernhard Rosenberger, Inhaber und Geschäftsführer |


Wir denken zu oft in Kategorien des „Entweder-oder“, statt davon auszugehen, dass mehrere Dinge zugleich zutreffend sind („Sowohl-als-auch“). Es geht in der aktuellen Situation nämlich um:

- Freiheit und Verantwortung

- Kämpfen und Loslassen

- Kreativität und Umsetzungsstärke

- Vertrauen und Kontrolle

- Moral und Pragmatismus

- Gegenwart und Zukunft

- Virus und Leben

Wolfgang Schäuble, der Bundestagspräsident, hat schon am Anfang der Corona-Krise darauf hingewiesen, dass Gesundheit nicht der oberste und einzige Wert ist, den das Grundgesetz vorgibt. Leben ist Potenzialentfaltung, Entwicklung und auch das „Spielen“ mit Risiken. Der „Holzhammer“ des Dauer-Lockdowns ist m.E. weder kreativ noch menschengerecht noch sinnvoll. Maß und Mitte, das Grundprinzip der aufgeklärten Demokratien, wird damit massiv verletzt.


Und es geht ja seit November 2020 nicht einmal in den einfachsten Kategorien logisch und konsequent zu: Die Schüler quetschten sich lange ohne Mundschutz morgens in ihre Schulbusse, mussten im Unterricht aber Masken tragen. Der Einzelhandel ist geschlossen, obwohl dort die Abstandsregeln gut einzuhalten sind. Das öffentliche Leben ist abgewürgt, und privat wird trotzdem der Abstand nicht eingehalten und schon gar nicht kontrolliert. Die Restaurants mussten in teure Hygienekonzepte investieren und dann wurde ihnen doch wieder der Stecker gezogen. Die Hilfen und Impfstoffe werden vollmundig angekündigt, aber in der Umsetzung „vermasselt“. Mein Business ist Business – d.h. ich kümmere mich um Organisations-, Führungs- und Personalkonzepte für Firmen. Was bedeutet: Ich habe im Grunde Besseres zu tun und will mich auf das „Politik-Business“ (als Rahmen) verlassen können. Insofern denke ich nur mit und mir fallen als „Amateur“, der sich noch nicht der Denkfaulheit hingegeben hat, viele Ungereimtheiten auf. Ungereimtheiten, die starken Einfluss auf uns alle und unsere Zukunft haben.


In der Welt des „Sowohl-als-auch“ gibt es derzeit viele Ängste, die wir Menschen haben: Neben der Angst vor dem Virus gibt es zusätzlich die Angst vor Armut, die Angst vor Diktatur, die Angst vor Einsamkeit und die Angst vor Gesichts-, Status- und Kontrollverlust. Die Ängste sind manchmal sichtbar, manchmal nicht. Sie werden verdrängt oder erkannt. Sie werden beachtet oder nicht. Aber sie sind da – weil wir emotionale Wesen sind. Jeder hat Angst, nicht nur die seit einem Jahr zwangsbeurlaubten Künstler (Existenz?) und die Risikopatienten (Virus?), auch Karl Lauterbach und Angela Merkel (Status?), die Menschen in den Pflegeheimen (Einsamkeit?) und die Demonstranten (Diktatur?). Es sind unterschiedliche Ängste, aber alle Ängste sind da. Gehen wir einfach ehrlicher und toleranter miteinander um – damit wäre schon viel gewonnen.


Damit dies möglich ist, brauchen wir heutzutage andere Fähigkeiten: Menschen, ob im Arbeitsmarkt oder im Privatleben, müssen in der Lage sein, Widersprüchlichkeiten auszuhalten und damit zu jonglieren. Das ist das Kennzeichen der „Sowohl-als-auch“-Welt. Dabei sollten die Menschen mehr den Blick nach innen als auch außen richten. Resilienz, innere Stärke und Gelassenheit auf Basis von Selbstreflektion und Selbsterkenntnis sind die neuen Tugenden. Und das bedeutet nicht Selbstverwirklichung pur, sondern Selbstverwirklichung in Kombination mit Empathie für andere. Nur so werden Erfolg, Leistung, Qualität, Glück und ein erfülltes Leben in Zukunft möglich sein.


Das Weltwirtschaftsforum, der wichtigste Zusammenschluss der Top-Manager weltweit, hat in seiner Studie „Future of Jobs“ im Corona-Jahr 2020 die Bewältigung komplexer Probleme als wichtigste Fähigkeit, die Menschen und Organisationen beherrschen müssen, identifiziert. Das klappt nur, wenn wir offen bleiben für Neues und lernen, permanent zu lernen. In einer Welt der erhöhten Komplexität sollte man eher gute Fragen stellen als fertige Antworten präsentieren. An zweiter Stelle steht kritisches Denken. Es wird immer schwieriger, Fakten von Meinungen oder gezielter Desinformation zu trennen. Menschen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Impulse richtig einzuordnen und sich breit zu informieren, um falsche Entscheidungen zu verhindern. Kreativität ist die drittwichtigste Schlüsselkompetenz der Zukunft. Nach Lösungen außerhalb des eigenen Vorstellungsraums zu suchen, offen für Anregungen von außen zu bleiben und neue Techniken des Denkens, Brainstormings und Austauschs zu nutzen – das sind Möglichkeiten, diese Kompetenz zu stärken.


Der Begriff der Ambiguitätstoleranz drückt wissenschaftlich genau das, was ich meine: Sowohl-als-auch-Denken. Das in Gelassenheit praktiziert, führt zur persönlichen Souveränität in einer Welt, die in Aufruhr ist. Ich will jedoch nicht behaupten, dass dies leicht ist. Ganz im Gegenteil: Es ist eine tägliche Herausforderung, für uns alle, mich natürlich eingeschlossen.


Seit Jahren wird uns suggeriert, dass Führung out ist, weil der Reifegrad der Menschen hoch sei und praktisch alles in Selbstverantwortung funktionieren könne. Kann es nicht, wie wir gesehen haben. Also sollten wir uns selbst führen, Führung ausüben (wer sich berufen fühlt), Führung akzeptieren – in den Familien, im Freundeskreis, in Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft. Dieses Land braucht Führung, nicht Vormundschaft. Und es braucht mehr denn je mündige, informierte und aufgeklärte Bürger.


Die Aufgaben, die anstehen, sind nicht gering:

- Wie retten wir das Klima?

- Wie retten wir unseren demokratischen Grundkonsens?

- Wie retten wir unsere Freiheiten?

- Wie bleiben wir im globalen Maßstab wettbewerbsfähig?

- Wie finden wir zu einer nationalen und internationalen Solidarität zurück?


Gustav Heinemann, der frühere Bundespräsident, hat einmal gesagt: „Politik muss jedermanns Sache werden. Man darf sie nicht den Fachleuten überlassen.“ Ein Schelm, der Böses dabei denkt – oder was war da gleich nochmals los mit der Expertenrunde im Kanzleramt? Angela Merkel sagte: „Uns ist das Ding entglitten.“ Sie meinte offenbar die Impforganisation, aber wohl auch die Digitalisierung der Gesundheitsämter. Das ist aber doch mal ein Anfang – die Einsicht in die neuen Notwendigkeiten. Ugur Sahin, der Chef von Biontech und zugleich ein schönes Beispiel für gelungene Integration aus Mainz, sagte: „Wir brauchen eine neue Definition von normal. Das Virus wird die nächsten 10 Jahre bei uns bleiben.“ Drei Zitate, die mir Hoffnung darauf machen, dass wir doch noch den richtigen Weg in Richtung Zukunft finden.



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